Interview mit den EXAM-Projektleitern bei der Volkswagen AG und bei der Audi AG
MicroNova: Welche Idee steht hinter dem EXAM ?
Frank Köhler (EXAM-Projektleiter bei der Volkswagen AG): EXAM ist ein strategisches Projekt des Volkswagen Konzerns zur Bereitstellung einer leistungsfähigen Plattform für eine gemeinsame, abgestimmte Entwicklung von Test-Programmen für die Erprobung von elektronischen Steuergeräten mittels Prüfstandstechnik im Allgemeinen bzw. Hardware-in-the-Loop-Systemen im Besonderen. Es ermöglicht somit eine Abstimmung von Modul- und Test-Strategie im Konzern. Wichtigstes Projektziel ist dabei die Etablierung einer gemeinsamen Sprache für die Darstellung von Testsachverhalten, als Grundlage für eine Zusammenarbeit auf Konzernebene.
Gerhard Kiffe (EXAM-Projektleiter bei der AUDI AG): EXAM integriert nach der Philosophie "Best of all Systems" eine Vielzahl von bereits existierenden Ansätzen, Methoden, Ideen und Technologien (z.B. ITS - Integrated Test Services, TARA). Überhaupt steht die Adaption der Methoden und Prozesse im Fokus, weniger deren technische Umsetzung. Die Definition und Installation von funktionierenden Prozessen wird also als Kernkompetenz des Automobilherstellers verstanden. Gemäß dem Grundsatz "Der Anwender eines Software-Systems kennt dessen Anforderungen am besten" werden die Requirements für die Weiterentwicklung von EXAM-Komponenten direkt von Volkswagen und AUDI spezifiziert und dann von professionellen IT-Partnern (MicroNova) implementiert.
MicroNova: Welchen Nutzen (Mehrwert) versprechen sich Volkswagen und AUDI davon?
Frank Köhler: EXAM ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu einer abgestimmten Test-Strategie im Konzern. Standardisierung und Vereinheitlichung sind die Grundvoraussetzungen für eine korrekte Interpretation und damit gegenseitige Nutzung von Informationen. Der größte Mehrwert ergibt sich meines Erachtens durch die gemeinsame Nutzung der vorhandenen Test-Ressourcen und damit der höheren Testabdeckung und Testtiefe, also letztlich der Steigerung der Produktqualität.
Gerhard Kiffe: Natürlich lassen sich auch die Kosten bzw. Entwicklungszeiten reduzieren, wenn Testfälle, Funktionsbibliotheken oder Testergebnisse aus anderen Projekten übernommen werden können, eine zentrale Verwaltung der Informationen vorausgesetzt. Zudem müssen Softwarewerkzeuge im Testautomatisierungsumfeld nicht mehrfach in unterschiedlicher, inkompatibler Ausprägung erstellt werden. Durch die strikte Rollentrennung zwischen Test- und Werkzeug-Entwickler in EXAM lassen sich auch Einsparungen bei externen Dienstleistern erzielen, da z.B. erfahrene Systemsoftwareentwickler in der Regel teurer sind, als Testsoftwareentwickler. Durch gezielte Ressourcenplanung und -einsatz ergibt sich ein signifikantes Einsparpotential, oder einfach gesagt "Wenn jeder das tut was er am besten kann, arbeiten alle effizienter."
MicroNova: Wie ist die Realisierung gelaufen ?
Gerhard Kiffe: EXAM setzt auf die UML als formale Sprache für eine abstrakte Darstellung von Testinhalten. Über entsprechende Generatoren lässt sich per Knopfdruck der Test-Code aus den UML-Modellen erzeugen. EXAM forciert dabei auch den Einsatz von standardisierten Software-Komponenten, wie z.B. dem Open Architecture Framework der Open Architecture Group, um auf die Architektur spezieller EXAM-Werkzeuge aktiv Einfluss zu nehmen. Durch den Einsatz geeigneter CASE-Tools wird die zunehmend teamorientierte Arbeitsweise bei der Erstellung und Auswertung von Testfällen optimal unterstützt und eine mehrfache Datenhaltung vermieden (Stichwort: Single-Source). EXAM-Tools werden in JAVA erstellt, als Test-Code wird derzeit Python erzeugt.
Frank Köhler: EXAM versteht sich als System für Design und die Durchführung von Testfällen. Es übernimmt gemäß Definition keine Requirementsengineering-, Testtracking- oder Test-Management-Aufgaben, es existieren aber Schnittstellen zu benachbarten Systemen (z.B. DOORS), die in den kommenden Monaten standardisiert werden sollen.
MicroNova: Wie sieht die Zukunft von EXAM im VW Konzern aus ?
Gerhard Kiffe: Ein erstes stabiles Pre-Release von EXAM ist seit März 2006 im Einsatz. Release 1.0 ist für Ende 2006 geplant. Die Anzahl der Pilotanwendungen soll im Jahr 2006 sukzessive erhöht werden, um das System entsprechend abzusichern. Das Roll-Out im Konzern ist dann für das Jahr 2007 vorgesehen, wobei Bentley Motors auch bereits als Pilotanwender am Projekt aktiv beteiligt ist.
MicroNova: Warum haben Sie die MicroNova als Ihren Entwicklungspartner gewählt?
Frank Köhler: MicoNova wurde auf Grund langjähriger Erfahrungen aus Vorgänger-Projekten (HiL-Prüfstände) und ihrem reichhaltigen Know-how im Bereich der Testprozesse für die Entwicklung der meisten EXAM-Komponenten beauftragt und konnte sich zum Kernpartner im Projekt etablieren. Mitarbeiter der MicroNova werden im EXAM-Umfeld für die Tool- und Bibliotheksentwicklung, den Support unserer zahlreichen Prüfstände sowie auch für die Testerstellung eingesetzt.

